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Besinnliches zum 1. Mai

Im Vorfeld des diesjährigen 1. Mai fragte sich die Nation gebannt, wie könnte das zentrale Redemanuskript aus der DGB-Zentrale dieses Jahr aussehen, welche Textbausteine werden den FunktionärInnen vor Ort für ihre schwierige Aufgabe der Ansprache an die unüberschaubare Mitgliederschar zur Verfügung gestellt? Während viele erst in den kommenden Stunden Antworten auf diese existentielle Frage erhalten werden, freuen wir uns, dank der Hilfe des stets lesenswerten Blogs „Radio Chiflado – Texte und Töne für den libertären Alltag“ bereits jetzt, Stunden vor dem großen Ereignis, das wahrscheinlichste Manuskript aus der DGB-Zentrale präsentieren zu können.

Die Fäuste ballen – und den sozialen Frieden bewahren! Bitte denkt nicht an Streik – ohne uns! Liebe Kolleginnen und Kollegen,so mancher fragt sich in diesen Tagen: Ist unsere soziale Marktwirtschaft wirklich „die beste aller Welten“? Kommen wir damit wieder mal aus der Krise raus?

Wir vom DGB haben in den letzten Jahren immer wieder gesagt: Wir müssen schmerzhafte Einschnitte hinnehmen, damit es wieder aufwärts geht mit unserer Wirtschaft. Und wir haben Wort gehalten: Leiharbeit, Flexibilisierung, Hartz IV, Lohnzurückhaltung – gemeinsam mit unserem Partner, dem BDI, konnten wichtige Innovationen auf den Weg gebracht werden.

Doch statt Aufschwung haben wir nun wieder eine schwere Wirtschaftskrise. Wie es dazu kommen konnte, ist auch mir ein Rätsel. Unsere Wirtschaft ist eben manchmal launisch wie ein Computer: Plötzlich stürzt sie ab, und dann muss man sie wieder zum Laufen bringen. So stehen uns jetzt noch mehr Arbeitslosigkeit, noch mehr Verzicht ins Haus. Da kommt Zorn und Wut bei den Menschen auf. Dafür habe ich Verständnis, obwohl ich persönlich nicht von der Krise betroffen bin. Aber es bereitet mir auch Sorge, denn der soziale Friede ist in Gefahr.

Unsere französischen Kollegen haben Unternehmer als Geiseln genommen, in Griechenland brannten bis vor kurzem noch wochenlang Barrikaden.Sicherlich: Das zeigt Wirkung und scheint den Menschen dort Freude zu machen – die Stimmung in Athen soll besser gewesen sein als auf unseren Gewerkschaftsfesten, trotz der tollen Rockgruppen, die wir auch heute wieder für die Jugendlichen aufspielen lassen. Aber wir sind keine Griechen, keine Franzosen. Unsere Nachbarn auf der anderen Seite des Rheins haben ihren König geköpft, Revolutionen durchgeführt und 1968 zu Millionen die Betriebe besetzt – ohne vorher das Einverständnis ihrer Gewerkschaften einzuholen! Das ist nicht unsere Streitkultur.

Für uns deutsche Gewerkschafter war der soziale Friede schon immer ein hohes Gut. Wir haben unser Land nicht im Stich gelassen, als es 1914 schwierige Konflikte mit den Nachbarn gab. Wir haben nach dem Regierungswechsel 1933 das konstruktive Gespräch mit der Politik gesucht, anstatt wie die impulsiven Spanier gleich einen Bürgerkrieg anzufangen. Wir haben in den 1970er Jahren den Gastarbeitern klar gemacht, dass wilde Streiks nicht zu unserer demokratischen Kultur in Deutschland passen. Denn Streitkultur darf nicht zu Streikkultur entarten.

„Dampf ablassen“ muss jeder mal. Das ist ganz normal, meine Familie kann ein Lied davon singen. Aber richten wir unseren Zorn nicht gegen die Arbeitgeber, die Politik oder unsere Wirtschaftsordnung. Nehmen wir lieber Finanzhaie, Banken , Wall Street und ausländische Investoren ins Visier. Dann können wir auch die Bundesregierung und die Arbeitgeber für unser berechtigtes Anliegen gewinnen – wo kämen wir denn sonst hin?

Deshalb darf die heutige Kundgebung keine Kampfansage sein. Wenn einige kurzsichtige Arbeitgeber nun zurĂĽck ins 19. Jahrhundert, zurĂĽck zum Klassenkampf wollen, dann sagen wir ihnen klipp und klar: Ohne uns, da machen wir vom DGB nicht mit. Statt Ă–l ins Feuer zu gieĂźen, heiĂźt unsere Devise: Der KlĂĽgere gibt nach.Wir werden das wie bisher fĂĽr Euch richten. Deshalb gilt fĂĽr heute und fĂĽr morgen, fĂĽr die StraĂźe und den Betrieb:


  • Habt Vertrauen in uns und befolgt ausschlieĂźlich unsere Anweisungen!

  • Wiederholt ausschlieĂźlich die Parolen, die wir ĂĽber den Lautsprecher durchgeben!

  • Wenn wir die Kundgebung auflösen, geht brav nach Hause, schaltet den Fernseher ein und schaut, wie machtvoll wir gewesen sind! Mit ein wenig GlĂĽck könnt Ihr Euch fĂĽr zwei, drei Sekunden selbst auf dem Bildschirm erkennen.

  • Pustet drei Mal in Eure Trillerpfeifen, wenn Ihr Eurem Ă„rger ĂĽber Euren Vorgesetzten Luft machen wollt!

  • Vergrault die Investoren nicht und habt Verständnis fĂĽr harte Entscheidungen!

  • Kommt bloĂź nicht auf die Idee, auf eigene Faust zu handeln und eigenständig Kontakte zu Leuten aus anderen Betrieben aufzubauen! Leute, die davon reden, wollen nur der Gewerkschaft schaden!

  • Wenn Ihr trotz alledem unsicher seid, wendet Euch an die jeweils zuständige Stelle. Wir haben fĂĽr jedes Problem das richtige Formular!

Michael Winter

[ Ăśbernommen von Radio Chiflado ]


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