UN-Experte Sachs rät zu langem Atem

Bereits vor einem Monat führte der Ökonom Jeffrey Sachs gegenüber dem TV-Kanal Aljazeera aus, warum es angesichts der Finanz- und Schuldenkrise, trotz aller energischen Maßnahmen und dramatischen Verlautbarungen einen langen Atem braucht: "Wir suchen einen schnellen Ausweg, aber der existiert nicht." Damit trifft er genau das Dilemma, das in den S&P-Ratings der letzten Tage nochmals als "perverse Situation" (Boysen-Hogrefe) zutage getreten ist. Sachs ist Professor an der Columbia University (USA), bekannt für seine Wandlung vom Saulus zum Paulus und nicht unumstritten: In den 1980er und 1990er Jahren war er Wirtschaftsberater Boliviens, Polens und Russlands, und empfahl diesen Länden unter dem Titel "Schocktherapie" v.a. eines: die schnellstmögliche Privatisierung öffentlicher Betriebe. Nach der Jahrhundertwende übernahm er die Professur für nachhaltige Entwicklung und arbeitete als Forscher und Experte für die UNO. Heute rückt Jeffrey Sachs im Gespräch mit Aljazeera die realwirtschaftliche Grundlage der Finanzkrise in den Mittelpunkt.

Der durchschnittliche Lohnzuwachs der US-Arbeiterklasse weise seit 38 Jahren Probleme auf. Die parallel entstehende Arbeitslosigkeit im produzierenden Gewerbe sei eine Ursache für sinkende Zinsraten, die wiederum ein Grund für die Finanzkrise seien. (Merke: Kredite, insbes. wenn sie für den Hauskauf sind, stützen das doch recht arbeitsintensive Baugewerbe.) Die US-Wirtschaft hatte Strukturprobleme, so Sachs, lange bevor es die Subprime-Blase gab. Um aus der Krise rauszukommen, müsse man die Grundlagen richten. Aber das wolle niemand hören, denn das heißt: Eine Lösung der Krise in den nächsten zwei Jahren ist ausgeschlossen. Die US-Zentralbank Fed habe traditionell auch die Arbeitslosigkeit im Blick und flute den Markt mit frischem Geld (Liquidität), um die Beschäftigung zu steigern. Das Ziel der Fed sei, anders als das der EU-Zentralbank EZB, nicht die Währungsstabilität, sondern eine niedrige Erwerbslosenquote. Das Problem bei diesem Vorgehen sei, dass es von einen Blase zur nächsten geführt habe. Und die nächsten Blasen könnten sein: der chinesische Immobiliensektor, mineralische Rohstoffe, Nahrungsmittelpreise.

Im Establishment der Politik und Finanzwirtschaft, so Sachs, gäbe es eine Menge Neid und sehr wenig Verantwortlichkeit. So habe die Globalisierung der Wirtschaft eine Menge "unregulierten Raum" in der Welt eröffnet. Eine Maßnahme gegen die Krise könne es sein, die Rekapitalisierung der Banken voranzutreiben, Bankrisiken (die berühmten "Hebel") zu beschränken und die Tobin-Steuer zur Stabilisierung der Märkte einzuführen. Dafür aber, um der Bevölkerung zu helfen, brauche es starke, funktionierende Regierungen.

Jeffrey Sachs betont, dass er nicht für eine höhere Besteuerung der Reichen ist, sondern lediglich anrät, zu dem Level von vor 30 Jahren zurückzukehren. (In dieselbe Kerbe mit historischem Ausblick stieß übrigens auch der Ökonom Rick Wolff von University of Massachusetts auf der Tagung "Den Betrieb übernehmen - Einstieg in die Transformation?" der Rosa-Luxemburg-Stiftung im November 2011: Im Jahr 1945 hätten Unternehmen 1,50 Dollar Steuern zahlen müssen, wo Personen ein Dollar zahlten. Im Jahr 2011 hingegen zahlten die Unternehmen nur noch 0,25 Dollar, während Personen ein Dollar zahlen.) So äußert Sachs auch großes Vertrauen in die G20-Staatengruppe: Wenn die feststellen würde, wir brauchen mehr finanzielle Regulierung (etwa um öffentliche Infrastruktur, Straßen, Bildung zu finanzieren), und dass das heutige System kein Unfall ist, sondern für den Missbrauch aufgebaut wurde ... dann könnte sich etwas ändern. Aber eben nicht von heute auf morgen.

Kommentar schreiben:

Die angegebene E-Mail-Adresse wird nicht dargestellt, sondern nur für eventuelle Benachrichtigungen verwendet.
CAPTCHA